Digitaliserung und ungeordnete Gedanken

Als Digital Native fällt es mir schwer zu verstehen, wie Menschen vor gar nicht allzu langer Zeit ohne digitale Technologien gelebt haben, obwohl ich mich an eine Zeit vor dem Handy erinnere — zumindest bevor es verbreitet war —, weiß wie es war keines zu haben, dennoch fällt es mir schwer zurück zu denken. Was war damals anders? Wie wurde der Alltag damals gemeistert, ohne den reflexhaften Griff zur elektronischen Lebenshilfe? Wie behielt jemand Kontaktdaten oder fand einen Ort? Wie unterhielten sich Menschen, ohne sich von Rechtschreibfehlern und Emojis triefende Belanglosigkeiten an den Kopf zu schmeißen? Und wie wurde die Freizeit verbracht, ohne mal eben schnell einen Film streamen zu können? Schnell. Alles ist schneller geworden, niemand möchte mehr geduldig auf etwas warten. In der Nachbarstadt wurde neulich die letzte Videothek geschloßen, hier gibt es schon lange keine mehr. Es ist 23:08. Ich sitze auf der Terasse. Trotz der sommerlichen Wärme fröstele ich leicht. Ich hole mir eine Decke und eine neue Kerze, denn die alte flackert nur noch schwach. Schnell die neue Kerze anzünden, bevor die alte ausgeht. Schnell, da ist es wieder, dieses Wort. Wenn wir jederzeit schnellen Zugriff auf Millionen Filme und Serien haben, steigt dann die Qualität der konsumierten Inhalte? Oder sinkt dann die Qualität, weil ich viel mehr konsumieren kann, ohne analoge Beschaffung viel weniger zu filtern brauche? Wenn vor dem Konsum der Weg zur Videothek ansteht, werde ich mir wohl viel stärker überlegen, welche Inhalte ich konsumiere, als wenn ich innerhalb von Sekunden eine Serie abspielen kann. Der Akt des Ausleihens lässt mich stärker darüber nachdenken, was ich sehen möchte, denn möchte ich später doch etwas anderes sehen, so muss ich wieder zur Videothek zurück. Wenn man nun mit dem Auto zur Videothek fuhr, kannte man den Weg. Andernfalls musste jemand nach der Adresse gefragt werden. Es wurde der Stadtplan aufgeschlagen, wenn ein solcher denn zur Hand war. Im Straßenverzeichnis fand sich das Quadrat, in welchem die Straße war. Hatte man den Weg gefunden, so konnte es los gehen. Würde ein Digital Native das noch können? Ich habe es noch nie versucht. Wie ist es, nicht ständig erreichbar zu sein? Oder jederzeit andere erreichen zu können? Ist mehr Planung notwendig? Fährt jemand auf Dienstreise, so kann derjenige nicht mehr vor Ankunft am Ziel informiert werden, sollte sich etwas ändern. Aber kann es auch Freiheit bedeuten, unterwegs nicht durch Anrufe gestört zu werden? Auch zu Hause mal Zeit für etwas zu haben, ohne ständig den Eindruck zu haben, man wäre Telephonist. Ich versuche seit einem Monat einfach mal ein Buch zu lesen, doch kaum habe ich einige Seiten gelesen, klingelt das Handy. Ob ich Zeit hätte. Jein. Ich habe Zeit, sonst würde ich nicht mein Buch lesen. Heute Abend habe ich mein Mobile Distraction Device abgeschaltet. Hatten die Menschen damals mehr Zeit, oder nur weniger Ablenkung? Ich habe den Eindruck, dass Menschen sich noch viel mehr gesagt hatten, als sie noch nicht in permanentem Kontakt standen. Jetzt sagt das Telephon irgendwelchen Konzernen mehr über mich, als ich meinen Kontakten erzähle. Unsere mobilen Allzweckbegleiter können nun vieles und wissen alles über uns. War Datenschutz vor der Digitalisierung schon so ein wichtiges und stets präsentes Thema? Sind schon früher viele Daten von und über uns angefallen, die auch damals schon über uns verarbeitet wurden, nur analog? Meine Generation ist schon zu weit davon entfernt, um das verstehen zu können. Mit vier Jahren verwendete ich zum ersten Mal einen Computer. Ein paar Jahre später bestaunte ich das Einwahlgeräusch eines 56k-Modems und die ersten Handys tauchten in meinem Umfeld auf. Ich habe nie eine Welt ohne Computer oder Handys erlebt. Als ich klein war, gab es noch keine brauchbaren Digitalkameras. Wenn im Urlaub oder zu besonderen Anlässen Photos gemacht wurden — grundlos wurden keine Bilder gemacht, das kostete schließlich — so ging es anschließend zur Drogerie. Der Film wurde in ein Papiertäschchen gepackt und nach einigen Tagen des geduldigen Wartens konnten die fertigen Bilder auf Papier abgeholt werden. (Das geht immer noch, ich habe es letztens erst gemacht.) Bevor die Bilder in Händen gehalten werden konnten, war natürlich die Neugier groß, denn weder wußte man, ob auf den Bildern zu sehen war, was gewünscht war, noch wußte man mehr, was überhaupt das Motiv war. Wer erinnert sich schon, was er vor knapp zwei Tagen photographiert hat? Wer erinnert sich an das letzte mit dem Handy aufgenommene Photo, ohne nachzugucken? Wo wir schon bei erinnern sind… Welche Telephonnummern sind noch im Kopf gespeichert? Bevor ich ein Handy hatte, wußte ich mehr Telephonnummern auswendig. Nun vergeße ich deutlich weniger Dinge, denn ich muss sie mir gar nicht mehr merken. Viele Menschen werden sicher meine Beobachtung teilen, sich nur noch schwer Dinge merken zu können. Zu viel sind wir mit medialem Konsum beschäftigt. Konsum, wie funktionierte der eigentlich damals? Wie lief es im Supermarkt ab, bevor von Produkten einfach der Barcode gescannt werden konnte? Wie ermittelte das Kassenpersonal den Preis? Wurde damals der Preis an der Ware schriftlich addiert? Taschenrechner gab es nicht. Und es gab auch eine Zeit vor Registrierkassen.

Würde mich jemand in eine Welt vor der Digitalisierung verschleppen, wie würde ich mit dieser fremden, aber dennoch bekannten, Welt klar kommen? Ich habe keine Idee. Deshalb möchte ich mal versuchen ein Wochenende vollständig analog zu verbringen und meine Erkenntnisse festzuhalten. Außerdem möchte ich mir von Leuten erzählen lassen, die diese Digitalisierung bewußt mit erlebt haben.

1 thought on “Digitaliserung und ungeordnete Gedanken

  1. Hallo Joshua,

    danke für diesen wirklich sehr schönen Beitrag! Ich selbst bin Jahrgang 1982 und habe die “schleichende Digitalisierung” miterlebt; ich kann Dir in vielem nur zustimmen. Die ständige Verfügbarkeit von allem führt tatsächlich zum “Rückbau” einiger Gehirnfunktionen und wir treiben in ziemlich extremes Suchtverhalten. Hier ist, finde ich, Impulskontrolle gefragt (“delayed gratification”).

    Einen schönen Artikel zum Thema Sucht und Internet gibt es hier: https://www.psychologytoday.com/blog/brain-wise/201209/why-were-all-addicted-texts-twitter-and-google

    Abgesehen davon üben wir ab und zu das “Fahren nach Karte” (Navi aus!) und ich erziehe meine Kontakte langsam dahin, dass ich am besten per E-Mail und Festnetz zu erreichen bin. Dann kann das Handy auch mal 2 Tage ausbleiben 🙂

    Danke nochmals für den Blogpost und 73
    Lucien / DH7LM

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.